Theodor Bogler - Das Bauhaus in Brandenburg von der Töpferscheibe zum Serienprodukt --> Ausstellung

 

Die Keramikerin Hedwig Bollhagen über sich selbst

Im Jahre 1907 bin ich in Hannover geboren. Leider verlor ich meinen Vater schon, als ich drei Jahre alt war. Trotz des traurigen Schicksals gelang es meiner Mutter, meinen beiden Brüdern und mir eine sehr glückliche Kindheit zu bereiten. Wir spielten in einem schönen alten Garten, wo wir bastelten, Feste feierten und ohne Publikum allerlei Aufführungen machten. - Wohl war uns bewusst, dass zu derselben Zeit, in der wir so ungestört spielen durften, der schreckliche Krieg tobte, aber wir waren noch zu klein, um das tragische Geschehen wirklich ermessen zu können, wenn wir auch die Schatten, die die Kriegsereignisse warfen, empfanden. Die materiellen Entbehrungen, die sich ja wesentlich auch auf die Nachkriegszeiten erstreckten, waren für uns, die wir kaum Vergleiche ziehen konnten, eigentlich ein Normalzustand.


Unsere Mutter hatte viele geistige Interessen und versuchte auch in uns die Freuden daran zu wecken.

Sie las uns oft vor, sah mit uns Bilder an und zeigte uns schöne Bauten, musizierte mit uns und be-

mühte sich, unser Gefühl für Qualität zu entwickeln und uns zu lehren, das Echte vom Unwahren zu

unterscheiden. (Das Wort "Kitsch" gehörte schon früh in unsere Kindersprache und war uns ein sehr

präziser Begriff.)

In einem Nachkriegswinter, in dem Kohlenferien und Grippeferien sich abwechselten, worüber wir na-

türlich nicht traurig waren, wurde für einige befreundete Kinder und uns ein Kursus für Zeichnen, Basteln

und Kunstbetrachtung von der sehr lebendigen Töpferin Gertrud Kraut eingerichtet, der späteren Be-

gründerin der Hamelner Töpferei. In ihrer Begeisterung für die Töpferei, ihrer menschlichen Güte und

Aufgeschlossenheit und heiteren Selbstbeherrschung ist mir Gertrud Kraut bis heute Beispiel und

Vorbild.

Ich hatte damals schon längst eine besondere Vorliebe für Töpferwaren, sammelte kleines Puppen-

geschirr aus Bauerntöpfereien, das es im nahen Hildesheim zu kaufen gab, und ging mit Begeisterung

auf den sogenannten Pottmarkt an der Hannoverschen Marktkirche, wo braune Bunzlauer und blau-

bemalte Westerwälder Töpfe in Mengen herumstanden. - So regte mich mein erster Besuch in der Töp-

ferei von Gertrud Kraut in Hameln sehr auf, und obgleich ich noch viel Zeit hatte, über alle die Berufe,

die zu ergreifen mich reizten, nachzudenken, stellte ich das Töpfern sogleich zur "engeren Wahl" und

bin dann also dabei geblieben.

Eine Stelle als Lehrling oder Volontär in einer Töpferei zu bekommen, war in der Zeit, in der sich Indu-

strie und Handwerk von den Wirkungen des Krieges und den darauffolgenden Jahren noch nicht erholt

hatten, sehr schwer. Ich fand die Möglichkeit, eine Zeitlang in einer kleinen Bauerntöpferei in Groß-

aimerode in Hessen zu arbeiten und machte dort meine ersten Drehversuche - mit Seufzern, die mir

jeder Töpfer nachfühlen wird -, war aber sonst guter Dinge in dem mir so neuen Metier.

Man töpferte Geschirr für den Dorfgebrauch und, um eine regelmäßige Pfründe zu haben, hand-

gedrehte (!) Salbentöpfe für einen Großhändler, der Apotheken belieferte und nur sehr geringe Preise

zahlte. Es wurde sehr fleißig gearbeitet, und zwar ausschließlich von der Familie des Töpfermeisters,

der mit seinem Sohn das Freidrehen verrichtete und von seinen fünf Töchtern alle übrigen Arbeiten

machen ließ. Bei intensiver Zusammenarbeit konnte etwa alle Vierteljahre der Kasseler Ofen gebrannt

werden, und der Ausfall des Brandes und die Verkaufsmöglichkeit der Ware bestimmten den Lebens-

standard der Familie für die nächste Zeit.

Wenn ich mich tagsüber nach Meinung des Meisters genug mit Drehversuchen abgequält hatte, durfte

ich mich nach 5 Uhr mit dem Malhörnchen befassen und nach meinem Belieben Teller und Schüsseln

mit Engobe bemalen, ich bekam nebenbei den ersten Begriff vom "zweckmäßigen Arbeitssitz und Ar-

beitstisch", denn der Meister fügte mir aus Schemeln, Kisten und Brettern einen Aufbau zusammen,

der an Bequemlichkeit und sinnreicher Anpassung nichts zu wünschen übrig ließ. Jeden Sonnabend

nachmittag kam der Barbier, und der Meister, der sehr klein war, setzte sich auf den Drehscheibenkopf

und wurde unter leichten Hin- und Herbewegungen der Drehscheiben für den Sonntag rasiert. Sonn-

tags stellte die Familie sieben Singstimmen und einen Trompetenbläser für den Kirchenchor.

Freundliche Verwandte in Kassel taten mich für einige Wintermonate als Gastschülerin auf die dortige

Akademie. Ich mühte mich ein paar Wochen in der Bildhauerklasse, die Professor Vocke leitete, der

gerade versuchte, auch eine Töpferei einzurichten. Ihn interessierten damals gerade Kannen mit

Metailschnaupen. Seine Schüler waren fast ausschließlich Kriegsteilnehmer, die entweder aus der Bahn

geworfen oder noch nie im Geleise gewesen waren. Ich glaube, daß nur wenige davon künstlerische

Begabung besaßen. Es wurden wie üblich viele Wochen auf die Vorbereitung des Fastnachtfestes

verwendet, die Bildhauer arbeiteten in der Stadthalle mit Feuerwehrleitern an einem Riesenmars,

einem damals beliebten Thema, das auf den wohl gerade erdnahen Stern bezogen wurde. In unserem

Falle aber ließ man Mars als Gott, der Kriegsruhe gedenkend, auf einer Trommel sitzen, ich durfte an

diesem Gefahren bietenden Mammutwerk, da ich das einzige Mädchen der Klasse war, nicht teilnehmen.

So hatte ich wenig Gelegenheit zum Lernen, weil ich viel zu unselbständig war, auf eigene Faust in

den ausgestorbenen Klassenräumen etwas zu probieren. Ich nahm am Aktzeichnen und an Kunst-

geschichts-Vorlesungen, soweit sie nicht auch ausfielen, teil und hatte Zeit, die sehr schönen Kasseler

Sammlungen in Galerie und Museum anzusehen. Nach diesen etwas programmlosen Wochen, die mich

bedrückten, zog ich 1925 mit wahrer Begeisterung nach Höhr im Westerwald ins Kannenbecker Land,

wo ich in der Keramischen Fachschule unter Dr. Berdel und Dr. Bollenbach meine theoretische Aus-

bildung erhielt. Die Schule, die heute wohl die modernste und vielseitigste keramische Fachschule

Deutschlands ist, war schon damals in ihren chemischen und technischen Abteilungen recht gut, aber,

im Gegensatz zu heute, in den sogenannten "künstlerischen" Fächern wie Modellieren und Malen der-

artig undiskutabel, daß man sich so wenig wie nur irgendmöglich in diesen wirklich verderblichen

Klassen aufhielt, in denen heute zum Teil ausgezeichnete Kräfte lehren.

Nach Absolvierung von fünf Fachschul-Semestern und Ferien-Volontärzeiten in einem kleinen Industrie-

betrieb und in der Töpferei von Gertrud Kraut in Hameln, hatte ich am Ende meiner Fachschulzeit etwa

die Kenntnisse, die eine Laborantin als Anfängerin in einen keramischen Betrieb mitzubringen hat.

Obgleich ich sehr gern Gebrauchsgeschirr machen wollte, war ich nicht dazu gekommen, mich hierin zu

üben, da, wie gesagt, das Schulniveau in diesen Fächern unbefriedigend war.

Ich hatte das Glück, direkt nach meiner Fachschulzeit 1927 in die Steingutfabrik Velten-Vordamm von

Dr. Harkort eintreten zu können und eine Tätigkeit zu beginnen, die für meine ganze Arbeit bis zum

heutigen Tage bestimmend war. Durch die intensive Schaffensfreude Dr. Harkorts, seine. große Liebe

zur Keramik, seinen vorurteilslosen Optimismus und sein Wissen war die Fabrik sicher einer der leben-

digsten, vielseitigsten und interessantesten deutschen keramischen Betriebe seiner Zeit. Man machte

Gebrauchsgeschirr aus Steingut und Fayence, Garten- und Baukeramik, Stapelware für den Export

und Einzelstücke von Bildhauern und Malern.

Ich verdanke dem Vertrauen und der Geduld Dr. Harkorts sehr viel, der mich als Leiterin der Malerei-

abteilung, die damals 100 Malmädchen beschäftigte, und als Entwerferin einstellte, trotzdem er wußte,

daß ich bisher in diesen Dingen nicht ausgebildet, aber, wie er hoffte, auch nicht verbildet war. Ich

brachte zu dieser Tätigkeit, die ich in Höhr nicht geübt hatte, nichts mit als große Lust, derm es fehlte

mir jede praktische und menschliche Erfahrung im Betrieb. Die Volontärzeiten fielen wenig ins Gewicht.

Das Steingut mit seiner reichen Unterglasurpalette und die Fayencetechnik mit der schönen Weichheit

der Pinselstriche waren in Velten-Vordamm durch die unbeschreiblich begabte Charlotte Hartmann noch

einmal zu ihrer wahren Geltung gekommen. Die Fülle ihrer Ideen und die wirklich geniale Fähigkeit,

traditionelle Formen und Dekors aufzugreifen und in neuer Frische hervorzubringen, mußten den

ernstesten Dekorgegner entwaffnen.

Eine ganze Reihe von Künstlern wurde von Dr. Harkort herangezogen: Gerhard Marks hat sich ver-

schiedentlich in dem Werk mit Plastiken und Malereien beschäftigt, zwei seiner Schüler aus der Dorn-

burger Bauhaustöpferei, Theodor Bogler und der Schweizer Werner Burri, arbeiteten Jahrelang für die

Fabrik, sowohl Einzelstücke als auch Serienentwürfe. Charles Crodel malte dort seine ersten keramischen

Kamine und Platten, ich war glücklich, viele dieser schöpferischen und eigenwilligen Menschen kennenzulernen,

mir Maßstäbe zu bilden und zu versuchen, mich danach auszurichten.

Ich bemühte mich, die Maltechnik der Steingut- und Fayence-Produktion zu üben, und mit der allmäh-

lich enstehenden Routine, den Pinsel zu gebrauchen, gelangen mir einige Dekors geometrischer Grund-

elemente, aus den Vokabeln zusammengesetzt, die den Malereiarbeiterinnen geläufig waren. Es inter-

essierte mich sehr, Gebrauchsgeschirr zu machen, das billig in den Handel kommen konnte und dadurch

dem Käufer die Möglichkeit bot, von den wirklich sehr geschmacklosen, verlogenen Geschirren, die die

Porzellan- und Steingutindustrie auf den Markt brachte, abzurücken. Ich molte auch Einzelstücke,

modellierte, drehte und entwarf Serienformen. Es entstanden manche Dinge, die mich verlegen machen,

wenn ich heute an sie denke, aber ich habe an allem gelernt. - Vervielfältigungsverfahren in der De-

korierung, z. B. Schablone und Abziehbild, beschäftigten mich ernst in der Uberlegung, daß diese Tech-

niken, sofern eine ihnen gemäße Form zu finden wäre, die nicht darauf aus ist, Handarbeit vorzu-

täuschen, durchaus ihre Berechtigung haben.

Bei all der Vielfalt der Verzierungsmöglichkeiten wuchs meine Vorliebe für weißes, undekoriertes

Fayencegeschirr, bei dem der rosa Scherben durch die weißdeckende Zinnglasur wie durch eine Haut

hindurchscheint. Für diese Dinge, die auch Dr. Harkort sehr schätzte, wurde damals leider von der

Einkäuferschaft nicht viel Interesse aufgebracht. Erst als ich später meine eigene Werkstatt hatte,

riskierte ich den Versuch, foyenceweiße, unbemalte Geschirre und Gefäße in größeren Mengen herzu-

stellen, und es glückte mir, sie mit Erfolg anzubieten.

Da ich mich schon in der Steingutfabrik Velten-Vordamm für den gesamten Ablauf der Herstellung

sehr interessierte, befaßte ich mich auch mit organisatorischen Arbeiten, insbesondere mit Arbeitszeit-

studien zur Akkordpreisbildung und bemühte mich, auf diesem Gebiet um die Auffindung einer ge-

sunden Basis. Normen festzustellen.

Aus wirtschaftlichen Gründen mußte das Werk auch Stapelware für den Export herstellen, wobei die

Wünsche der Kunden berücksichtigt werden sollten. Dieses war meist nur mit Kompromissen zu lösen,

in der Bemühung, das kleinste Ubel herauszufinden, wenn beispielsweise eine Konservenbüchsen-

manschette vom Auslandskunden eingeschickt wurde, deren Pfirsich-Darstellung auf Kompottschüsseln

übertragen werden sollte, die zu Tausenden bestellt wurden. Als 1931 die Zollschranken, die um die

interessierten Länder gelegt wurden, den Export schlagartig unmöglich machten, mußte die Steingut-

fabrik Velten-Vordamm, wie so viele andere Werke, leider ihre Pforten schließen, und einer der in der

keramischen Entwicklung als Kulturträger so wichtigen Betriebe ging verloren.

Im stillen den Wunsch nach einer eigenen Werkstatt hegend, ging ich auf die Wanderschaft, um mög-

lichst viele Betriebe kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Ich arbeitete zunächst in der

Majolika-Manufaktur Karlsruhe. Ihr standen vielseitige Techniken und Möglichkeiten zu Gebote, unter

der damals noch nicht so fernen Wirkung Leäugers, der allerdings schon eine Zeitlang nicht mehr direkt

mit der Manufaktur zusammenarbeitete, und es fehlte dadurch leider dort eine aktive Persönlichkeit,

die, wie in Velten Dr. Harkort, so bestimmend, produktiv und anregend auf die Mitarbeiter wirkte.

Ich arbeitete dann kurze Zeit in einem Werk von Rosenthal in Neustadt bei Coburg, wo wenig erfreu-

liche Dinge fabriziert wurden, und einen schönen Ski-Winter lang in Partenkirchen, in der Werkstatt von

Wilhelm Kagel.

Ich lernte durch gute und noch mehr durch schlechte Beispiele zu werten. Die Begegnung mit mensch-

licher Qualität und Schwäche im umgekehrten Verhältnis zu Güte und Mangelhaftigkeit der Produk-

tion erstaunte mich oft. Die nettesten Menschen sah ich scheußliche Dinge fabrizieren und schlechten

die schönsten Stücke gelingen. Auch sah ich mit den besten Produktionsmitteln Schlechtes entstehen

und in primitiven Verhältnissen Gutes gestaltet.

Eine Zeit, die ganz aus den Rahmen meiner bisherigen Tätigkeit fiel, verbrachte ich während eines

reichlichen halben Jahres in einer Verkaufsausstellung handwerklich und industriell hergestellten Ge-

brauchsgutes - Möbel, Stoffe, Schmuck und Silber -, die Tilly Prill-Schloemann in Berlin ins Leben rief

und mehrere Jahre als eigenes Unternehmen fortführte. Die Räume mit den vielen Schaufenstern, direkt

zur Zooseite und zur Budapester Straße, waren ein außergewöhnlich guter Rahmen für das Gezeigte

und unterschieden sich auffallend von fragwürdigen Kunstgewerbegeschäften. Ich hatte Gelegenheit,

Material- und Qualitätsgefühl und Kenntnisse zu erwerben. Auch war es sehr amüsant, aus der ge-

gebenen Perspektive das Geboren und die Psychologie des Kunden zu beobachten. Ich hatte viele

schöne Keramiken, z. B. von Leäuger, von Dreßler, Do'uglas-Hill, Margrit Friedländer, Lindig und

anderen zu betreuen und zu verkaufen.

Meinem eigentlichen Ziele nachgehend, wandte ich mich aber bald wieder der Töpferei zu und nahm die

erste Stelle, die sich mir bot, in Frechen bei Köln an, einem Ort, wo einst schönstes rheinisches Steinzeug

gemacht wurde. Nun fabrizierte man in riesengroßen Salzöfen Röhren in allen möglichen Abmessungen

mit schöner brauner Solzglasur. Außerdem wurde in der Herstellung von sogenannter "Kunstkeramik"

und Devotionalien, die in niedrig brennenden Ofen gebrannt wurden, gesündigt. Es gab die verschie-

densten Heiligen in allen Größen und kitschigster Gestaltung in erheblichen Auflagen, was die ganze

Abwegigkeit dieser Art der Produktion "religiöser Bedarfsartikel" klarmachte. Es ist nicht zu übersehen,

daß in vielen Gegenden tatsächlich ein echter Bedarf für diese Dinge besteht, und es ist zweifellos sehr

schwer, gute oder wenigstens tragbare Formen dafür zu finden. Einige literarische Arbeiten über Sym-

bole und ihre Zeichen scheinen mir noch am ehesten solche Wege zu zeigen.

Meine Tätigkeit in dem Betrieb beschränkte sich zunächst auf Dekorentwürfe und ihre Anwendung,

später wurde ich Betriebsassistentin und habe viel über die technischen Zusammenhänge des Produk-

tionsablaufes gelernt.

Im Streben, nun bald selbständig zu töpfern, streckte ich meine Fühler aus, um eine geeignete Möglich-

keit zu finden. Es wurde in der Nähe Berlins eine kleine, nicht mehr in Betrieb befindliche Töpferei zum

Verkauf bzw. zur Pacht angeboten, die früher schöne wertvolle Einzelstücke gemacht hatte. Alle Be-

triebsmittel, bis auf eine Muffel, waren jedoch bereits entfernt worden. Außerdem sollte ein ziemlich

großer, ebenfalls seit einem Jahr stilliegender keramischer Betrieb, der früher etwa 60-80 Arbeiter

beschäftigte, verkauft werden, und zwar in Marwitz bei Velten, dem keramischen Klima, das mir früher

schon so gut getan hatte. Er bot mir die verlockende Aussicht, mein Programm "Gebrauchsgeschirr"

durchzuführen.

Allein wagte ich einen Start nicht, denn ich hatte gerade so viel gelernt, daß ich einigermaßen beurteilen

konnte, was ich n icht wußte. Das Wissen um geringe Kenntnisse in einem vielseitigen Gebiet steigert

sich ja unaufhörlich in dem Maße, in dem man Einblick darin bekommt, und ist dem Fortgeschrittenen

bewußter als dem Anfänger.

Ich stand nun vor dem Scheidewege und bekam von Freunden und Verwandten viele gute Ratschläge,

doch ja nicht ein so großes anspruchsvolles Unternehmen, wie Marwitz es sein würde, zu riskieren,

sondern lieber im kleinen Rahmen zu bleiben. Ich selbst kom aber nach vielen Oberlegungen immer

wieder zu der Ansicht, daß in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit wie damals der Verkauf von serien-

mäßig hergestellter preiswerter Gebrauchskeramik, die mir vorschwebte, leichter sei, als für teure

Einzelstücke Liebhaber zu finden, die Geld hatten, solche zu kaufen. Auch fühlte ich mich handwerk-

lich nicht sicher genug, in einer kleinen Werkstatt, die eventuell als Ein-Mann-Betrieb begonnen werden

mußte, zu bestehen, da ich doch in den vorherigen Jahren hauptsächlich in Industriebetrieben ge-

arbeitet hatte, wo ich zwar zum Malen, aber verhältnismäßig wenig zum Drehen gekommen war.

In Marwitz zeigten sich für mich günstige Arbeitsmöglichkeiten. Erstens erbot sich Dr. Heinrich Schild,

in seinem Hauptberuf Volkswirt und Handwerkspolitiker, mir als Teilhaber zu helfen und alle finanz-

technischen, juristischen und kaufmännischen Funktionen zu übernehmen, die zur Gründung und Fort-

führung eines solchen Betriebes nötig sind. Zweitens stand der alte erfahrene Velten-Vordammer Be-

triebsleiter Wojak zur Verfügung, der bereits auch in Marwitz eine Zeitlang die technische Führung ge-

habt hatte. So fand ich unter diesen Voraussetzungen den Mut zu beginnen. Wir nannten die Firma

"HB-Werkstätten für Keramik", da ich meine Arbeiten schon früher mit "HB" bezeichnet hatte. Der Mar-

witzer Betrieb hatte sich "Hael-Werkstätten für künstlerische Keramik" genannt. Wesentlich war für mich,

daß auch einige Dreher und mehrere der besten Steingut- und Fayence-Malerinnen der früheren

Steingutfabrik Velten-Vordamm bereit waren, in der neuen Firma mitzuarbeiten.

Am 1. Mai 1934 fing ich mit der Arbeit in Marwitz an. Ich beeilte mich zunächst, die noch vorhandenen

Stücke aus der früheren Kollektion der Hael-Werkstätten, die mir größtenteils mißfielen, aus der Pro-

duktion verschwinden zu lassen. Einige gute Formen übernahm ich, weil ich es schade fand, die Arbeits-

einrichtungen für solche Dinge zu vernichten. Auch ließ ich verschiedene Velten-Vordammer Dekors,

besonders ein sehr bekanntes reiches Muster von Charlotte Hartmann, das die Malmädchen noch aus-

wendig konnten, wieder aufleben.

Dr. Schild machte es Vergnügen, den kaufmännischen Appafat einzurichten und zu überwachen. Seine

Liebe zum Handwerk, seine Sicherheit und seine Aufbaufreude, der Mut zu riskieren ohne leichtfertig

zu sein und seine Konsequenz schufen mir die Voraussetzungen, mich ganz auf die Produktion kon-

zentrieren zu können.

Auf der Leipziger Herbstmesse 1934 stellte ich zum ersten Mal mit ganz gutem Erfolg eine ziemlich

große Auswahl an Gebrauchsformen und Dekors aus. Es war mein Bestreben, keine modischen Schlager

sondern einfache, zeitlose Dinge zu machen. Diese Bemühung fand insofern ihre Bestätigung, als der

größte Teil der damals herausgebrachten Modelle auch heute noch in der Fabrikation ist und in Ost-

und Westdeutschland verkauft wird.

Die Entwicklung des Betriebes und seine wirtschaftliche Festigung ging allerdings langsamer voran, als

ich gehofft hatte, und erforderte wirklich sehr intensive vielseitige Arbeit und Entsagung. Aber in der

Keramik liegen ja so viele Freudenquellen, aus denen man Kraft schöpfen kann, und spannende

Augenblicke voller Erwartung, wie sie zum Beispiel immer wieder beim Ofenausnehmen da sind, daß

man niemals gelangweilt sein kann und für seinen Einsatz entschädigt wird. Um als Handwerksbetrieb

bestehen zu können, machte ich meine Gesellen- und später meine Meisterprüfung von Marwitz aus.

Die Freude an einer vielseitigen Produktion, die ich in Velten-Vordamm kennengelernt hatte, ver-

onlaßte mich, den früheren Mitarbeitern aus Velten-Vordamm, den handwerklich so außerordentlich

geschickten, produktiven und zeichnerisch sehr begabten Werner Burri um seine freie Mitarbeit zu

bitten. Er schuf viele Einzelstücke, die er alle selbst drehte und malte, machte aber auch viele Ent-

würfe für Serienanfertigungen.

Zu meiner allergrößten Freude fand sich auch Charles Crodel bereit mitzuarbeiten. Wir versuchten

zusammen alle möglichen keramischen Techniken: Fayence- und Unterglasurmalerei, Goldmalerei, Ritz-

technik, Plastiken, Stempelreliefs, Gipsschnitte, und probierten Baukeramik und Gartenkeramik. Die

reichen Ideen, das wirkliche Künstlertum und die heitere Sicherheit, mit denen Crodel zu arbeiten und

zu überzeugen versteht, haben viele gute Architekten veranlaßt, mit Freuden Crodelsche Baukeramik-

entwürfe bei uns ausführen zu lassen. Es gibt keine konkrete Aufgabe, die Crodel, sofern es seine

Zeit erlaubt, nicht mit Interesse und Freude aufgreift und künstlerisch löst. Seine Fähigkeit, intensiv

zu sehen und im Kopf zu registrieren, und sein großes Wissen schaffen den Grund, auf dem seine

Entwürfe wachsen, die immer einen geistigen Gehalt haben, ohne jedoch im schlechten Sinne lite-

rarisch zu sein. Durch Crodel erhielt ich Maße und Gewichte, zu werten und zu ordnen. Ich versuche,

sie richtig anzuwenden und habe Freude daran.

Um den technischen Apparat und die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, großformige

Arbeiten probieren zu können, war es nötig, die laufende Serienproduktion im gesunden Gang zu

halten und alle Auftragsmöglichkeiten zu ergreifen. So entwickelten sich auch einige ganz gute Export-

verbindungen, die aber mit Kriegsbeginn sofort abbrachen.

Um den Betrieb während des Krieges aufrechterhalten zu können, mußten wir uns auf vorgeschriebene

Fabrikationsprogramme umstellen. Wir machten Gehäuse für elektrische Zimmerheizöfen, Terrinen und

Eßschüsseln, daneben jedoch immer noch mancherlei Einzelstücke.

Das Kriegsende mit den Kampfhandlungen und ihren so unsagbar deprimierenden Begleiterschei-

nungen ließ die Werkstatt, die, obgleich sie verschiedene Treffer bekam, immer wieder als Massen-

quartier benutzt wurde, in unbeschreiblicher Unordnung zurück.

Aber allmählich fing der Betrieb an, wieder ein wenig "durchzugrünen".

Leider ergaben die Verhältnisse, daß Dr. Schild, der schon vor Kriegsende nach Westdeutschland über-

gesiedelt war, sich nicht mehr maßgebend um den Betrieb kümmern konnte und deshalb zu meinem

größten Bedauern als Teilhaber ausschied.

Wie schwer es dann war, bei großem Material-, Hilfsstoff- und Ersatzteilmangel sich immer wieder nach

der Decke strecken zu müssen, weiß jeder, der in irgendeiner Produktionsstätte gewirkt hat. Ich habe

gelernt, mich weitestgehend danach zu strecken und mit den vorhandenen Möglichkeiten weiterzu-

arbeiten. Es sind wieder schöne Crodelsche Dinge entstanden.

Baukeramisch habe ich mich an umfangreiche Objekte gewagt und nach Entwürfen von Waldemar

Grzimek große Reliefplatten und Bauelemente gemacht. Hier hoffe ich noch auf Weiterführung der be-

gonnenen Versuche.

Es macht mir Freude, auch einige jüngere Künstler zur :Mitarbeit heranzuziehen oder ihnen Gelegen-

helt zu geben, keramisch zu wirken, So hat die junge Erika Monthey eine ganze Reihe Einzelstücke und

auch gemalte Baukeramik in meiner Werkstatt hergestellt, und der sehr einfallsreiche junge Bildhauer

Jürgen von Woyski versucht sich hier gelegentlich keramisch.

So gern ich mich bemühe, im Zusammenwirken mit Anderen Arbeiten auszuführen, die es mir wert

scheinen, so ungern mag ich als eine "Anstalt" angesehen werden, die alle baukeramischen Objekte,

die ihrer technischen Kapazität entsprechen, herzustellen hat, ohne ihre eigene Meinung über die

Qualität des Entwurfes entscheiden lassen zu dürfen.

In meinen Entwürfen für Formen von Gefäßen versuche ich, immer sparsamere Mittel anzuwenden. -

Ich bemühe mich, der "Form ohne Ornament" die Ehre zu geben, die ihr gebührt, riskiere aber auch,

Formen zu probieren, die durch einen Dekor gesteigert und bereichert werden wollen. Die Anstrengung

führt zwar nur selten zum Erfolg, und wenn°man durch alle die scheußlichen Dekors der keramischen

Industrie und des Handwerks geneigt sein mag, den Dekor schlechthin zu verwünschen, so steht dem-

gegenüber die Forderung nach dieser Art des Spiels von Menschen aller Zeiten und aller Erdteile in

zahllosen Beispielen vor uns.

Die Aufgaben, die eine verhältnismäßig große Werkstatt, wie die meine es ist, stellt, sind so vielseitig,

daß man alle Kräfte aufbieten muß, ihnen wenigstens einigermaßen gerecht zu werden. Das Thema,

nämlich Dinge herzustellen, die erfreuen, sollte jedoch eigentlich einen allzu bitteren Ernst in der

Kraftanwendung ausschließen. Das Anliegen, sich dabei menschlich zu bewähren in einem Kreis von

über-60 Mitarbeitern, bleibt bei allem das Dringendste aber auch das Schwerste. Der Wille, sich in die

Lage seines Nächsten zu versetzen und von seinem Standpunkt aus zu fühlen, erleichtert es, ihn zu

lieben, und täglich tritt diese Forderung im Zusammenwirken mit einem großen Menschenkreis an jeden

heran.

So verlockend auch die weiten Gebiete meines Handwerks sind, so wichtig finde ich es, sich seiner

eigenen Grenzen darin bewußt zu sein. Dies muß nicht dahin führen, daß die Arbeiten einseitig und

manieriert werden. Das Wagnis, in leichtfertigem Optimismus Aufgaben zu übernehmen, zu denen die

Kapazität nicht ausreicht, führt unweigerlich auf Abwege. Ich glaube, die vielen Möglichkeiten, sein

eigenes Feld zu bestellen, führen an den Versuchungen vorbei, sich an Aufgaben zu wagen, denen

man nicht gewachsen ist.



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